Dumpfe Angst (Leseprobe)

 

 Prolog

 

Es wäre besser, sie kehrte um. Das kann sie aber nicht wissen. Wie immer lauscht sie dem Knirschen des Kieswegs. Ein Klang, der angenehme Erinnerungen und Erwartungen in ihr weckt. Das Geräusch, das ihre nackten Fußsohlen auslösen, klingt heute allerdings zwei bis drei Oktaven tiefer. Auch das Zwitschern der Vögel scheint verändert. Sie hört es wie durch Watte. Von Unruhe gepackt, bleibt sie stehen, horcht einen Moment, schüttelt den Kopf und geht weiter. Zwischen duftenden Blumen und gepflegten Staudenbeeten. An ihrer linken Hand baumeln ihre roten Pumps, deren spitze Absätze auf dem unebenen Weg abbrechen könnten.

    Vor ihr öffnet sich die Haustür des dunkelrot geklinkerten Friesenhauses. Doch nicht der, den sie erwartet, kommt heraus, sondern zwei Männer, gekleidet in schwarzen Anzügen und Krawatten, die einen Zinksarg tragen. Eine Windböe fegt das Bild weg. Sie fröstelt. Was habe ich bloß für Gedanken?

    Das heraufziehende Unwetter türmt graue Wolken auf, die in ihre Richtung treiben. Sie hält ihr dünnes Jackett vor der Brust zusammen, hetzt zur Tür und läutet. Zweimal, dreimal, viermal drückt sie auf den Klingelknopf. Er reagiert nicht, was bildet er sich ein? Sie hat es nicht nötig, sich wie ein kleines Mädchen behandeln zu lassen. Tut sie ihm unrecht? Bisher ist er stets pünktlich gewesen und es kann ja mal was dazwischenkommen. Andererseits meint sie, seinerseits eine aufkommende Gleichgültigkeit ihr gegenüber gespürt zu haben. Lässt er sie fallen wie eine heiße Kartoffel, nachdem sie ihre Ehe für ihn aufs Spiel gesetzt hat? Das wagt er nicht. Er müsste damit rechnen, dass sie sich ihrem eifersüchtigen Mann anvertraut, der zum Jähzorn neigt und ihn fertigmachen würde. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Nein, für solch einen Schritt ist er viel zu weich.

    Das Unwetter entfaltet seine volle Wucht, lässt ihre glatten blonden Haare im Wind flattern und lockert am Erker eine Schieferschindel, die ihre Freiheit nutzt, um in einem nervtötenden Rhythmus zu klappern. Dicke Regentropfen klatschen auf den Boden, laufen ihr über die Stirn und die Wangen. Sie rennt zu dem angebauten grünen Holzschuppen und biegt das lose Brett nach vorn, so wie er es ihr gezeigt hat. Der Schlüssel hängt in seinem Versteck. Zurück zur Haustür; sie schließt auf und tritt ein. Hinter ihr knallt die Tür zu. Wie versteinert steht sie da. Hat er vergessen, ein Fenster zu schließen? Oder hat jemand ...? Wie auch immer, hier stimmt was nicht. Der Duft eines teuren Parfüms schwebt im Raum. Eine neue Geliebte? Möchte er es ihr auf diese Weise sagen?

     Sie tastet im Flur nach dem Lichtschalter, drückt ihn, es bleibt finster. »Bist du da?« Die Frage klingt wie ein Hilfeschrei. Keine Antwort. Nur Angst, die sich wie eine zweite Haut über ihren Körper schiebt und ihr das Atmen erschwert. Weshalb gehe ich nicht raus?, denkt sie, ich stehe doch direkt vor der Tür? Kaum hat sie ihre Starre überwunden und eine Hand auf die Klinke gelegt, da hört sie es. Das Geräusch des Messers, das in ihren Rücken eindringt. Das in einem ekstatischen Wechsel herausgezogen und hineingestochen wird. Instinktiv versucht sie, sich festzuhalten, findet jedoch keinen Halt. Kraftlos rudert sie mit den Armen. Ihr Mund formt ein Warum, aber statt eines Tons quillt Blut über ihre Lippen.

 

SECHS

 

Ein Rascheln im Gebüsch.

    »Mach die Taschenlampe aus.«

    Heidorn stolpert über einen Ast. »Soll ich mir die Knochen brechen?«

    Beide Männer ducken sich instinktiv, als im fahlen Mondlicht ein Schatten über sie hinweg huscht und in der Ferne verschwindet.

    »Hier ist ein Weg.« Weynberg zieht Heidorn aus dem Unterholz. »Bleib am Rand, da bist du nicht so leicht zu sehen.«

    »Gott sei Dank sind wir nicht ins Wasser gefallen. Guck dir diesen großen Teich an.«

    Die Wasseroberfläche spiegelt das Licht des Mondes in einer Weise, die auf Weynberg bedrohlich wirkt, als wolle ihm die Landschaft eine Warnung schicken.

    »Dort steht der Aussichtsturm.« Weynberg deutet auf den weißen Rundbau, der auf einer Anhöhe errichtet worden ist. Das Mondlicht schafft es kaum, ihn aus dem dichten Grün des Stadtwaldes herauszuheben. »Du wartest hier, Markus, bis ich oben die Tasche abgestellt habe. Sobald du was Verdächtiges siehst oder hörst, rufst du.«

     Ein Nachtvogel schreit. Heidorn zuckt zusammen. »Spinnst du? Ich bleibe doch nicht allein zurück.«

    »Du bist mir ein tapferer Krimiautor.« Weynberg zieht sich eine dunkelgraue Strickmütze über den Kopf, in die er Sehschlitze geschnitten hat. Durch seine Vermummung und den von Heidorn geliehenen Tarnanzug hofft er, optisch mit der Umgebung zu verschmelzen.

    Er schleicht, auf jedes Geräusch achtend, den gebogenen Weg zum Aussichtsturm hinauf, in den in Abständen Stufen eingelassen sind. Immer wieder bleibt er stehen, um sein pochendes Herz zu beruhigen. Was hat mich bloß geritten, mich auf dieses Abenteuer einzulassen?, fragt er sich. Er stutzt, hat er sich verhört oder summt eine Frau die berühmte Arie Nessun Dorma aus der Oper Turandot? Kaum vorstellbar in diesem Ambiente. Es sei denn, sie gehört zu den Schwarzen, den Gothics, die nachts auf Friedhöfen hocken und nach Patschuli riechen. Aber sollte sie in dem Fall nicht eher Lacrimosa aus Mozarts Requiem summen? Die Stimme der Frau scheint von der anderen Seite des Turms herüberzuwehen. Weynberg flüstert sich Mut zu, steigt das letzte Stück des Weges hinauf und hält nach der Tür des Rundbaus Ausschau. Die Frau summt lauter, als wolle sie gegen sein Erscheinen protestieren. Am liebsten würde er die Tasche absetzen und diese groteske Inszenierung verlassen. Inszenierung? Eine Falle? Etwas Weiches fasst ihm von hinten ins Gesicht. Er dreht sich um, sieht den Schlag kommen, kann aber nicht mehr ausweichen.

 

Tropfen fallen auf Weynbergs Gesicht, begleitet von einer glitschigen Hand, die seinen dröhnenden Kopf tätschelt. Die Gestalt, die über ihm hockt, trägt wie er einen Tarnanzug und spricht wie Markus Heidorn. »Wach endlich auf. Jemand hat mich in den Teich gestoßen. Dort musste ich mir das Geschnatter von Enten anhören. Es klang, als würden Sie mich verhöhnen.«

    Weynberg tastet seinen Kopf ab. Seine langen Haare, die er hochgebunden hatte, damit sie unter die Mütze passen, haben den Schlag gedämpft. Er schaut sich um, die Tasche ist verschwunden. »Es ist erst vierzig Minuten nach Mitternacht. Wenn der angekündigte Empfänger die Person war, die mich niedergeschlagen hat, ist er viel zu früh gekommen.«

    »Wen interessiert das noch?« Heidorn schaltet seine Taschenlampe ein und leuchtet sich ins Gesicht, in dem grüne Algen kleben. »Mir ist arschkalt. Lass uns abhauen, oder soll ich mir den Tod holen?«

    »Du hast recht, denn wir haben es hier auf keinen Fall mit einem Gelegenheitserpresser zu tun.«

    »Mit wem denn sonst?«,

    »Ich werde schon seit Tagen beschattet. Ich nehme an, der Empfänger der Tasche und mein Schatten, der auch der Mörder sein dürfte, sind identisch.«

    »Wie beruhigend.« Heidorn spitzt seine Ohren. »Was ist das? Summt da eine Frau?«

    Weynberg nimmt Heidorn die Lampe aus der Hand. »Das klären wir gleich.« Er nähert sich der Quelle der Musik. Auf dem Rasen hinter dem Aussichtsturm liegt ein Smartphone im Gras, das eine Aufzeichnung abspielt, die jemand vor dreißig Sekunden eingeschaltet hat.