Erfrorene Seelen

 

 1 (Auszug)

 

Er muss hier weg. Gleich dürfte das ganze Dorf auf den Beinen sein und sich fragen, wo der Schuss gefallen ist. Geifernd nach einer Sensation werden sie in alle Richtungen ausströmen und schließlich auch die Tür des alten Bauwagens aufreißen, der den Mittelpunkt des Waldkindergartens bildet und mit seinen aufgemalten Sonnenblumen Frieden vorgaukelt. Es werden absurde Verdächtigungen und Vermutungen folgen, die jeden treffen, der nicht zur eigenen Familie gehört.

    Er schiebt seinen linken Handschuh hoch und schaut auf seine Armbanduhr. Null Uhr fünfzehn. Hektisch wirft er einen letzten Blick auf Hannah, die von dem Kinderstuhl gerutscht ist und an der Wand lehnt. Ihre Hirnmasse und ihr Blut kleben an den Möbeln und bemalten Holzpaneelen, die mit bunten Kinderzeichnungen dekoriert sind. Ihm wird schlecht. Nur nicht übergeben, dann hätten sie seine DNA. Er reißt die Tür des Bauwagens auf und stolpert auf die Lichtung hinaus, stützt sich am Bauwagen ab, bis sich sein Magen beruhigt.

    Ein Grollen rollt über die Landschaft und kündigt ein Gewitter an. Begleitet von einem stark böigen Wind, der ihn aber nicht von dem Entsetzen befreien kann, das ihn angesichts des Geschehens befallen hat. Er blickt noch einmal zum Bauwagen zurück. Dann huscht er in den Wald und verschmilzt mit den Schatten der Bäume, deren Äste sich im fahlen Mondschein in wechselnde Richtungen bewegen, als wollten sie ihn in die Irre führen.

 

7 (Auszug)

 

Selbst im Wald ist der Nebel noch so dicht, dass Kaltenbach meint, in Watte gepackt zu sein, die ihn mit klebrigen Fängen umarmt, ihm eine beklemmende Ungewissheit suggeriert. Auf dem schmalen Kamm des Walls muss er sich darauf konzentrieren, nicht abzurutschen. Vorsichtig balanciert er weiter. Die ersten Stufen der steilen Treppe, die durch hochgestellte Bretter vor ihrer Auflösung bewahrt werden, tauchen aus der Nebelsuppe auf. Langsam steigt er zu der schmalen Holzbrücke hinunter. Hier über dem feuchten Boden ist der Nebel noch dichter. Weiter als zwei Meter kann er nicht sehen. Warum tut er sich das an? Zum Nachdenken bleibt ihm auf diesem Weg keine Zeit.

    Endlich unten, stößt Kaltenbach mit seiner rechten Hand an eine Puppe, die am Brückengeländer hängt. Ein Musikclown, mit einem teuflischen Grinsen im Gesicht, dessen blecherne Becken durch die Berührung leicht aufeinanderschlagen. Kaltenbach schaudert. Er verharrt aber nur kurz, weil er sich albern vorkommt. Seine Gedanken wollen sich aber nicht wieder von dem Clown lösen. Warum hängt er dort? Ein Kind muss ihn verloren haben. Hat ihn ein Erwachsener aufgehängt, damit er nicht im Schmutz liegen muss? Kaltenbach dreht sich um, aber die Puppe ist, wie alles hinter ihm, im Nebel verschwunden. Am Ende der Brücke angekommen, hört er den Clown erneut, der seine Becken aufeinander schlägt und sich an einer Melodie versucht. Erschrocken bleibt Kaltenbach stehen. Jemand muss die Puppe aufgezogen haben. Jemand, der unsichtbar hinter ihm auf der Brücke lauert und sich sicher ist, ihn in der Falle zu haben.

    Rechts oder links? Zwei Wege führen von der Holzbrücke weg. Kaltenbach entscheidet sich für den rechten. Dort könnte es möglich sein, sich in einer der Senken des Buchenwaldes zu verstecken. Er läuft so schnell er kann. Wühlt dabei sein Handy aus der Hosentasche, wirft es weg und sieht, wie es in dem Blätterteppich untertaucht, der den gesamten Waldboden bedeckt und jeden Schritt mit einem Rascheln begleitet. Ihm ist klar, dass er seinem Verfolger durch die Geräusche eine optimale Spur legt. Hätte er aber den linken Weg gewählt, einen schmalen Pfad, auf dem die Blätter schon zertreten sind und nicht mehr rascheln, hätte sein Verfolger das durchschaut. Und er hätte auf dem Pfad nicht einmal ausweichen, sondern bestenfalls abrutschen können.

    Kaltenbach läuft noch ein Stück weiter und lässt sich in eine Kuhle fallen. Hört die Schritte des anderen, bevor sie ebenfalls verstummen. Ist der Fremde schon unmittelbar hinter ihm? Kaltenbach drückt sich flach auf den Boden, als könne er mit ihm verschmelzen. Den Kopf zur Seite gedreht, sieht er seinen Verfolger, der sich schemenhaft aus dem Nebel schält. Er ist vier bis fünf Meter entfernt und hält eine Schusswaffe in der Hand.

    Endlich klingelt Kaltenbachs Handy, das er unter den Blätterteppich geworfen hat. Will Miriam ihm sagen, dass die halbe Stunde um ist und sie fahren wird? Der Klingelton bricht wieder ab und die Mailbox schaltet sich ein. Der Verfolger verharrt. Für Kaltenbach sind es bange Sekunden. Schließlich geht der Fremde zurück. Kaltenbach wartet einen Moment, dann läuft er in seiner ursprünglichen Richtung weiter. Durch seine Schritte macht er wieder auf sich aufmerksam, aber er ist nicht abgebrüht genug, liegenzubleiben. Erst auf der asphaltierten Straße, die den Wald von einem Maisfeld trennt, bleibt er stehen. Er ist völlig außer Atem, spürt heftige Seitenstiche.

    Die Kugel, die neben ihm einschlägt, reißt Kaltenbach aus seiner Lethargie. Er stürzt sich instinktiv in das Maisfeld, läuft weit geradeaus, wirft sich auf den Boden und versucht, auf allen vieren krabbelnd, seitlich Deckung zu finden, ohne dabei die Maispflanzen zu bewegen. Nur mühsam gelingt es ihm, seinen Atem flach zu halten. Es dauert Minuten, bis sein Verfolger kommt. Kaltenbach sieht eine Gestalt, die langsam aus dem Nebel auftaucht und auf ihrem Weg die Stängel der Maispflanzen auseinanderdrückt.

    Die Person hebt ihre Pistole und zielt auf Kaltenbach, der zu keiner Bewegung mehr fähig ist. Er schließt die Augen und hört den Schuss. Verzieht sein Gesicht in Erwartung des Schmerzes, der nicht kommt. Traut sich, seine Augen wieder zu öffnen und sieht, dass sich der Verfolger langsam um die eigene Achse dreht und in verschiedene Richtungen schießt. Die Schüsse sind nicht sehr laut, der Fremde dürfte einen Schalldämpfer verwenden. Zitternd zählt Kaltenbach mit. Den Schuss auf der Straße eingerechnet, kommt er auf acht Patronen. Ist das Magazin leer? Der Schemen dreht sich weiter. Schießt weiter. Dreizehn, vierzehn, fünfzehn, das müsste es gewesen sein. Kaltenbach freut sich zu früh. Sein Gegner lädt nach und eröffnet die nächste Runde eines Spiels, an dem Kaltenbach nie teilnehmen wollte.