Falsche Schatten (Leseprobe)

 

ELF (Auszug)

 

Skeptisch blickt Kaltenbach auf das Messingklingelschild, das behauptet, G. u. P. Neuhaus wohnten hier. Er schaut sich um. Die Nachbarn können den Eingangsbereich nicht einsehen und er kann keinen Blick durch die Fenster werfen, denn die Rollläden sind, soweit er das sehen kann, heruntergelassen worden. Er zögert einen Moment, geht um das Haus herum, um sich dahinter umzuschauen. An der Ecke bleibt er stehen und betrachtet den rückseitigen Teil des Grundstücks, den eine Gartenlampe ausleuchtet. Auch an den Seiten und hinten sind die Rollläden geschlossen. Das gesamte Grundstück ist zweckmäßig und pflegeleicht angelegt. Eine persönliche Handschrift der Besitzer kann Kaltenbach nicht erkennen. Wäre es Gunnars Garten, ständen hier Skulpturen und es gäbe gemütliche Sitzecken und Büsche, die den Garten unterteilen würden. Sofern Gunnar überhaupt seinem geliebten Bremen den Rücken gekehrt und sich auf dem Land niedergelassen hätte.

    Kaltenbach sieht keinen Sinn darin, zu zögern und drückt auf den Klingelknopf. Er hört Schritte, der Spion in der Haustür verdunkelt sich kurz, dann wird geöffnet. Eine schlanke junge Frau mit halblangen blonden Haaren, die einen leichten Morgenmantel trägt, zieht seine Blicke an. Auf ihrem Gesicht, aus dem die Wangenknochen leicht hervortreten, liegen ein Hauch von Schminke und ein freundliches Lächeln.

    »Guten Abend, Clemens Kaltenbach mein Name. Ich bin mit Gunnar verabredet.«

    Die Frau macht einen Schritt zur Seite und bittet ihn, im Flur seine Schuhe auszuziehen. Kaltenbach rümpft innerlich die Nase. Der Flur ist, wie der Garten, schlicht, fast schon spießbürgerlich eingerichtet. Das Gleiche gilt für das Wohnzimmer, in das ihn die Frau führt. Drucke kitschiger Ölgemälde zieren die Wände, die Möbel sehen aus, als stammten sie aus den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Hier fehlt eindeutig Gunnars Handschrift.

    »Gunnar musste mal kurz weg. Er wird aber jeden Moment zurückkommen.« Die erotische Stimme der Frau passt nicht zu dem Interieur.

    Hier passt überhaupt nichts zusammen, denkt Kaltenbach. Dass die Person, die ihn unbedingt sprechen möchte, nicht anwesend ist, kann er sich nicht vorstellen. Das riecht nach einem Hinterhalt. Er nimmt sich vor, auf jedes Geräusch und jede Bewegung zu achten. Auf einem Sideboard erblickt er das Foto, das ihn und Gunnar zeigt, wie sie beide einen Arm um Marens Schultern legen. Das gleiche Foto, das zu Hause im Schlafzimmer steht und das mit Todeskreuzen auf Marens und seinem Gesicht auf Gunnars Grab gelegen hat. Woher hat Hiller, oder wer auch immer, das Bild? Aus Marens und seinem Schlafzimmer kann es nicht stammen, dort steht es noch immer. Kaltenbach lässt sich seine Überraschung nicht anmerken.

    Die junge Frau sieht ihn herausfordernd an. »Möchten Sie etwas trinken?«

    »Nein danke.«

    »Sie trinken doch gern Lagavulin. Gunnar hat ihn extra für Sie besorgt.«

    »Das ist sehr nett von ihm.« Kaltenbach wird flau im Magen. Von seiner Vorliebe für diesen Single Malt Whisky wissen nur die engsten Bekannten, zu denen auch Gunnar gehört hat. »Ich bin gerührt, dass er sich daran noch erinnert. Aber ich möchte im Augenblick wirklich nichts trinken.«

    Ein Lächeln zeigt sich auf ihrem Gesicht. Sie öffnet ihren Morgenmantel, unter dem sie bloß ihre Haut trägt. »Kann ich dir sonst etwas bieten?«

    Kaltenbach schaut die Frau verdutzt an. Unter ihrer linken Brustwarze fällt ihm ein kleines, dunkles Muttermal auf. Er macht einen Schritt zurück. »Was soll das? Ich bin mit Gunnar verabredet und möchte ihn jetzt sehen.«

    »Ich habe doch gesagt, dass Gunnar gleich kommt. Die Wartezeit sollten wir nutzen, um uns näher kennenzulernen.«

    »Lassen Sie den Unsinn. Hat Sie Hiller dazu angestiftet?«

    Ohne zu antworten, lässt die Frau ihren Morgenmantel von den Schultern auf den Boden gleiten. Sie geht auf Kaltenbach zu und streicht mit den Händen über ihre Brüste. »Warum heute so schüchtern? Gunnar sagt, du lässt nichts anbrennen. Gefalle ich dir nicht?« Kaltenbach schafft es, bis zur Tür zurückzuweichen, dann ist sie bei ihm und legt ihre Arme um seinen Hals.

    Ihre Lippen öffnen sich und nähern sich seinem Mund. Schlagartig wird es dunkel. Jemand hat ihm von hinten eine schwarze Plastiktüte über den Kopf gestülpt, die er jetzt zuzieht. Kaltenbach greift nach oben, um sich zu wehren, wird aber von zwei Seiten festgehalten. Die Stimme der Frau klingt dumpf durch den Kunststoff. »Gunnar möchte, dass du dich von Maren trennst. Er war lange untergetaucht, konnte nicht glauben, wie leicht ihr über seinen Tod hinweggegangen seid, wie ihr eure Leben sofort neu geordnet habt, als sei es das Normalste der Welt, den Lebensgefährten und besten Freund zu vergessen. So zu tun, als hätte er nie existiert.«

    Kaltenbach ringt nach Luft, bei jedem Atemzug zieht sich Material von der Tüte in seinen Mund. Endlich, denkt er, als sich die Plastiktüte öffnet und er tief einatmen kann. Dann spürt er den Einstich einer Nadel und die Dunkelheit kehrt zurück.