Kalte Schreie

 

 

EINS

 

Sven Bothur ahnt nicht, dass er in der kommenden Nacht sterben wird. Sonst hätte er anderes im Sinn, als ein Schäferstündchen. Er möchte Britta Freese, das Objekt seiner Begierde, an sich ziehen, aber sie schiebt ihn sanft zurück. »Ich muss rein, sonst gibt’s Ärger. Außerdem bist du um Mitternacht mit Mark verabredet. Willst du ihn etwa versetzen?«
  Sven schaut mürrisch drein. Er steht auf der Waschbetontreppe vor der Haustür des Reihenhauses, in dem Britta mit ihren Eltern wohnt. In seinem dunklen Outfit wirkt er wie ein Schauspieler aus einem billigen Film, der nach der Aufführung vergessen hat, aus seiner Rolle zu schlüpfen. Das Licht der Außenlampe hebt sein schmales, von langen schwarzen Locken umrahmtes Gesicht hervor.
  Drückend schwüle Luft raubt Sven den Atem. Zusammen mit seiner wachsenden Anspannung macht sie ihn aggressiv. »So kann das nicht weitergehen. Deine Eltern terrorisieren uns.«
  Britta wischt sich die purpurrote Haarsträhne aus der Stirn, die wie ein Fanal in ihren schwarzen, halblangen Haaren leuchtet. »Wegen der Geschichte auf dem Riensberger Friedhof hast du bei meinen Eltern den letzten Rest Ansehen verspielt.«
  »Du wärst doch auch gern dabei gewesen, aber deine Alten haben ja um ihr liebes Kleines gefürchtet.«
  »Wir haben das doch zigmal beredet. Meine Eltern wollen nicht, dass du mich tiefer in die Grufti-Szene reinziehst. Außerdem kann ich mir was Besseres vorstellen, als nachts auf einem Friedhof zu hocken.«
  Sven schweigt. Aus dem Nachbarhaus dringen Musikfetzen zu ihnen herüber. Eine Opernarie, die er schon mal gehört hat, die er aber nicht erkennt. Was soll's, er steht sowieso nur auf Dark Wave.
  »Geh lieber«, sagt Britta. »Wenn meine Eltern dich sehen, ist der Teufel los.«
  »Dass ich nicht lache, deine Mutter ist doch immer los.«
  Britta Freese verdreht die Augen. Sie greift seine Hand und zieht ihn auf den Bürgersteig. Dann läuft sie die Treppe hinauf und verschwindet im Haus. Sven wendet sich enttäuscht ab.
  Auf der gegenüberliegenden Straßenseite tritt eine Gestalt aus dem Halbdunkel einer Mauer und verschmilzt mit dem Schatten eines Lieferwagens. Sven nimmt sie nicht wahr. Ein paar Meter von Brittas Elternhaus entfernt meint er aber Schritte zu hören. Er dreht sich um. Die Horner Straße liegt ruhig hinter ihm. Leidet er neuerdings unter Paranoia? Er entspannt sich erst, als er in den lauten Teil des Bremer Viertels eintaucht.
  Sven geht an Kneipen und Trendlokalen vorbei, die sich in bunter Folge mit Läden und Designer-Boutiquen abwechseln. Menschen zahlloser Nationalitäten kreuzen seinen Weg. In allen Arten und Abarten. Bürgerliche, Gepiercte, Tätowierte, Penner und Fixer ziehen seine Blicke an. Auch Mischformen begegnen ihm. Nun, Gottes Garten ist groß.
  An der Sielwallkreuzung, die in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts traurige Berühmtheit als Zentrum der Bremer Drogenszene erlangt hat, muss Sven an der Ampel warten. Er blickt zurück. Es scheint zwecklos zu sein, unter den vielen Leuten nach einem Verfolger Ausschau zu halten.
  Das Gefühl, von einem unsichtbaren Schatten begleitet zu werden, ist nur einer der Gründe für seine Unruhe. Noch mehr schlägt ihm das geplante Treffen mit Mark Günther im Café Engel auf den Magen. Sven lässt seinen Blick nervös über die Terrasse der ehemaligen Apotheke am Ostertorsteinweg schweifen. Es ist bald zwölf. Mark, sonst die Pünktlichkeit in Person, ist nirgendwo zu sehen.
  Angeheiterte Jugendliche, die sich auf dem kleinen Platz vor dem Lokal neben einer Steinskulptur amüsieren, lenken Sven kurz ab. Ihre Versuche, die neuesten englischen Hits nachzusingen, enden regelmäßig in unverständlichem Gestammel. Hin und wieder springt einer von ihnen auf, um die Bewegungen eines Passanten nachzuäffen.
  Wo bleibt Mark nur? Er hat am Telefon sauer reagiert, als Sven seine Teilnahme an der geplanten Erpressung abgesagt hat. Mit seinem Anteil hätte Sven Britta beeindrucken und sie vielleicht aus ihrem elterlichen Mief herauslocken können. Doch je länger er darüber nachgedacht hat, je heikler ist ihm die Geschichte erschienen. Heute Abend will Mark noch mal mit ihm über das Thema reden. Ein Streit ist programmiert.
  Warum kommt Mark nicht? Ist er alleine vorgeprescht, ist ihm dabei was zugestoßen? Oder muss sich Sven jetzt vor Mark in Acht nehmen, weil er zu viel über die beabsichtigte Erpressung weiß? Ist Mark etwa der Schatten, von dem er sich verfolgt fühlt? Er wählt die Handynummer seines Freundes, aber der meldet sich nicht. Sven blickt sich um, versucht, Mark noch einmal in der Menschenmenge zu entdecken. Vergebens. Seine Unruhe wächst, kriecht bis in die letzten Winkel seines Körpers, wie ein böses Gerücht, dass sich nicht stoppen lässt. Sven beschließt, sich diesem Stress zu entziehen und nach Hause zu gehen. Auch auf die Gefahr hin, dass Mark ihm vorausgegangen ist und irgendwo auf ihn wartet.
  Als Sven am Wilhelm-Wagenfeld-Haus vorbeikommt, fällt ihm die Geschichte von Gesche Gottfried ein. Die Serienmörderin, die als Engel von Bremen fünfzehn Menschen mit Arsen vergiftet hat, hat drei Jahre in diesem Gebäude gesessen, das damals als Untersuchungsgefängnis gedient hat. Von hier aus ist sie 1831 zum Schafott geführt worden. Zur letzten öffentlichen Hinrichtung in der Hansestadt.
  Sven schaudert. In dem Moment erlischt die Straßenbeleuchtung. Er dreht sich um. Auch die Schaufenster am Ostertorsteinweg und das Theatercafé liegen jetzt im Dunkeln. Ein Stromausfall hat ihm noch gefehlt.
  Als er am ehemaligen Polizeipräsidium vorbeigeht, wird das Gefühl, nicht allein zu sein, übermächtig. Er blickt zurück, entdeckt aber niemand. Starr vor Angst bleibt er stehen. Nur sein Herz bewegt sich. Immer schneller schlägt es in seiner Brust. Der schwarze Mann, der sich im Finstern fürchtet, das darf kein Mensch erfahren. Sven lehnt an der dicken Außenwand des Gebäudes, als könnten ihn die Steine beschützen. Gedämpfte Schritte reißen ihn aus seinen Gedanken. Im fahlen Mondlicht taucht ein großer Schädel auf. Ein Drahtseil legt sich um Svens Hals. Er versucht, seine Hände dazwischen zu schieben, schafft es aber nicht. Verzweifelt rudert er mit den Armen und trifft den Kopf seines Gegners. Kunststoff, ein Helm? Die Schlinge zieht sich zu, schneidet in Svens Fleisch.

 

FÜNFZEHN

 


Die frische Morgenluft legt sich wie ein kühler Stoff auf ihre Haut, als sie aus dem warmen Wasser des Sees steigt. Aber nicht der Temperatursprung lässt sie erstarren, sondern das Gefühl, jemanden zum Greifen nahe zu sein.
  Maren Petersen dreht sich um, blickt prüfend über die dichten Busch- und Baumreihen, an denen zu dieser Morgenstunde Tautropfen hängen. Nichts bewegt sich, als würden selbst die Tiere und der Wind auf einen Showdown warten. Nur das eintönige Summen der zwei Autobahnen, die sich an der Westspitze des Oyter Sees im Bremer Kreuz treffen, dringt an ihre Ohren. Der Ton hängt wie ein Raunen über der Landschaft und saugt alle anderen Geräusche auf.
  Der unheimliche Mann mit dem Kampfhund fällt ihr ein, dem sie hier schon bei früheren Besuchen begegnet ist. Er hat ihr Angst gemacht. Heute spürt sie eine ihr fremde Angst. Etwas Bösartiges lauert hinter den Büschen und Bäumen. Ergötzt sich daran, wie das Wasser aus ihren langen schwarzen Haaren über ihren Körper perlt und sie frösteln lässt.
  Petersens Augen suchen den Ast, auf den sie ihr Handtuch gehängt hat. Den Ast finden sie, das Handtuch nicht. Es ist ebenso verschwunden wie ihr Jogginganzug und ihre Sportschuhe. Sie könnte sich ohrfeigen. Warum musste sie wieder ihren Dickkopf durchsetzen und sämtliche Warnungen in den Wind schlagen?
  Sie schreckt auf, als das leise Knautschen einer Lederjacke den monotonen Klang der Autobahnen zerreißt. Petersen wirft sich ins Wasser und schwimmt mit kräftigen Zügen vom Ufer weg. In der Mitte des Sees entspannt sie sich etwas. Sie blickt zurück, es ist niemand zu sehen. Will ihr der See mit seiner Weite Sicherheit vorgaukeln? Auf solch ein Spiel lässt sie sich nicht ein. Sie dreht sich im Wasser um die eigene Achse und beobachtet die Ufer. Die in sich ruhende Vegetation erinnert sie an eine Theaterkulisse. Muss sie nur darauf warten, dass jemand das Bühnenbild zur Seite schiebt, um in den Abgrund zu blicken, vor dem sie steht?
  Ein lang gezogenes Brrrrrrrt lässt sie zusammenfahren. Es kommt vom südöstlichen Seeufer und wiederholt sich mehrmals. Zwei Stare flattern hoch. In der Morgensonne glänzen ihre Körper metallisch schwarz. Die Vögel fliegen über den See und verschwinden hinter einer Baumgruppe aus Petersens Blickfeld.
  Wer hat sie aufgescheucht? Läuft ein Tier oder ein Mensch am See entlang? Ihre Unsicherheit wächst. Egal, wo sie aus dem See steigt, überall könnte ihr jemand auflauern. Sie darf sich nicht verrückt machen lassen; der Mörder von Gunnar und Franziska kann nicht wissen, wo sie sich aufhält. Petersen nimmt an, man spiele ihr einen Streich, entweder der Mann mit dem Kampfhund oder ein Spanner.
  Sie entscheidet sich, zur östlichen, gut tausend Meter entfernten Schmalseite des Sees zu schwimmen. Die Strecke kann sie problemlos bewältigen, schließlich ist sie durchtrainiert. Am anvisierten Ziel erwartet sie ein sanft verlaufender Sandstrand, von dem sie nur noch zu der Straße laufen muss, an der Anke Klose wohnt. Vielleicht sind inzwischen auch andere Badegäste da? Sie wundert sich ohnehin, dass sie bisher keine Menschenseele getroffen hat.
  Da auf dem Sandstrand vereinzelt Büsche und Bäume stehen, hinter denen jemand lauern könnte, behält sie den Strandabschnitt, sobald sie ihn sieht, im Auge. Er ist nach wie vor leer. Dass die Frühbader, die sonst keinen Tag auslassen, heute einen Ausflug unternehmen, weiß sie nicht.
  Petersen empfindet die Ruhe als unwirklich. Eine innere Stimme rät ihr, im Wasser zu bleiben, aber sie setzt auf ihre Schnelligkeit. Zumal der Weg frei zu sein scheint.
Wie aus dem Nichts steht er vor ihr, komplett unter Motorradkleidung verborgen. Sie ist sich sicher, dass keine Frau in der Montur steckt. In seinem Helm spiegelt sich ihr erschrockenes Gesicht, von der Rundung des Visiers zu einer Grimasse verzerrt.
  Der Motorradmann spricht kein Wort, hält ihr nur ein Messer vor den Bauch. Dann nickt der Helm in Richtung des Weges, der um den See führt. Petersen wägt ihre Chancen ab. In ihrem Bikini dürfte sie beweglicher und schneller sein als der Mann in seiner schweren Montur. Da sie barfuß läuft, müsste sie allerdings ständig darauf achten, wo sie hintritt. Sie entscheidet sich, eine passende Gelegenheit abzuwarten.
  Kaum haben sie dichteres Buschwerk erreicht, tippt ihr der Mann auf die Schulter und deutet auf einen Baum. Maren Petersen ahnt, was geschehen wird und rennt los, versucht, das Wasser zu erreichen. Zweige peitschen ihren Körper, Dornen reißen ihre Haut auf. Die Geräusche ihres Verfolgers, der durch seine dicke Kleidung geschützt ist, kommen näher. Er packt sie am Arm und reißt sie herum. Ein Schlag trifft ihr Gesicht. Sie stürzt. Behandschuhte Hände graben sich in ihre Haare und zerren sie hoch. Ihr Kopf dröhnt vor Schmerz. Durch einen Tränenschleier sieht sie den nächsten Schlag kommen, kann ihm aber nicht ausweichen. Petersen schmeckt Blut. Sie will sofort erwachen, doch der Albtraum geht weiter. Der Motorradmann bindet sie an einen Baum und baut sich vor ihr auf. Sie glaubt, ein Lachen zu hören. Welch fröhliches Gesicht verbirgt sich hinter dem Spiegelbild ihrer blutverschmierten Fratze? Hineinschlagen möchte sie, kann es aber nicht. Petersen ist sich sicher, Gunnars und Franziskas Mörder gegenüberzustehen. Und ihrem eigenen. Wind kommt auf und lässt sie schaudern.
  Der Mann steckt das Messer unter seine Jacke. Als seine Hand wieder hervorkommt, hält sie eine Drahtschlinge. Petersen will ihn anflehen, sie laufen zu lassen, bringt jedoch aus Angst keinen Ton heraus. Wortlos nimmt sie hin, dass er die Schlinge um ihren Hals legt und sie langsam zuzieht.